Coaching: über die Angst, eine Frage zu stellen

Wichtige Fragen versammelt ums Fragezeichen

Wie viele Kunden wissen bin ich auch als Telefonseelsorger aktiv. Für die Zeitschrift TSI (Telefonseelsorger Intern) schrieb ich einen Artikel, in dem es um die Fragen aller Fragen geht: Warum hat man eigentlich Angst, Fragen zu stellen?

Weinachten und die Angst des Seelsorgers bei der Frage

Es gibt Dinge, vor denen drücke ich mich gerne, zum Beispiel vor der Arbeit, dem Abwasch, vor allem aber vor dem Hausmeister, der gerne sensible Fragen stellt wie „Waren Sie das mit dem Plastikmüll im Altpapiercontainer?“ oder „Sind Sie diese Woche nicht mit der Treppenhausreinigung dran?“, Fragen natürlich, die mich unangenehm berühren, sie sind sensibel und ziehen unter Umständen Konsequenzen nach sich, weil ich mein Verhalten ändern müsste. Und weil ich also nicht gerne Fragen beantworte und ich mich auch nicht gerne ändere, so jung bin ich ja nun auch nicht mehr, stelle ich umgekehrt auch nicht so gerne Fragen, was mich auf geradem Weg zur Auftragsklärung in meinen Telefongesprächen bringt. Es ist ein bisschen wie bei Handkes „Angst des Tormanns beim Elfmeter“, ich habe Angst, dass meine Frage ins Schwarze trifft, dass sie etwas auslöst. Und eigentlich finde ich so etwas wie „Was ist Ihr Auftrag?“ oder „Was erwarten Sie, was sich durch unser Gespräch ändern könnte?“ mindestens als störend, vielleicht sogar als unverschämt, übergriffig, ich zucke förmlich selbst zusammen, wenn ich meine Stimme diese unaussprechlichen Worte aussprechen höre und halte den Atem an vor Spannung, was vom anderen Ende der Leitung kommt.

Wenn ich mich traue, kommt oft zögern, Verwunderung, unsichtbares Schulterzucken, ich nehme eine Verstörung und Unterbrechung wahr. Nicht selten nimmt das Gespräch dann einen guten Verlauf, man hat sein Gegenüber positiv verstört, zum Nachdenken gebracht: „Ja, was will ich eigentlich?“ Oft aber habe ich Menschen, die können kein Anliegen formulieren, es kommt ein „Ich weiß nicht“ oder „Reden“, wobei Letzteres natürlich auch schon eine Klärung bedeutet, wenn auch eine Oberflächliche. Aber oft genug lande ich mit meiner Frage in der Sackgasse, ich wiederum frage mich, ob ich das mit dem Fragen nicht lassen soll.

Der geneigte Leser hat an dieser Stelle natürlich längst geahnt, dass jetzt eine Geschichte mit meiner Mutter kommen muss, und natürlich mit Weihnachten, das ist um diese Jahreszeit einfach so, wie beim Wort zum Sonntag, wo man sich ständig fragt „Wann kommt denn jetzt das Jesulein?“, aber das ist eine andere Geschichte, aber auch eine spannende Frage, so ganz grundsätzlich, meine ich. Also Weihnachten und Mutter und die Geschichte geht so: Man darf sich vorstellen, Heiligabend, Schwarzwald, Bauernhof, 9 Kinder, zwei schon in die Jahre gekommenen Elternteile, Mann und Kinder (und damit leider auch ich) irgendwo in den Ställen, im Heuschober oder im Wald beim Arbeiten, Mutter Zuhause macht das übliche, nämlich Waschen und Haushalt, und dann das Unübliche, nämlich das Besondere an diesem Tag: Geschenke verpacken, Christbaum schmücken, alles Putzen und Herrichten, ein Festmahl kochen. Mutter war schon von Früh an auf den Beinen und werkelte den ganzen Tag, ein Tag, den in meiner ganzen Jugend ein Mysterium umgab: Kurz bevor es sich alle gemütlich machen wollten, sprich wir alle in das Esszimmer gerufen wurden und es mit dem Essen und Geschenkeauspacken losgehen sollte, begann meine Mutter zu lüften. Und zwar nicht irgendwie zu lüften, sondern systematisch alle Fenster aufzureißen und die Temperatur auf gefühlte Minus 10 Grad abzusenken. Je nach Temperament maulten wir oder mümmelten uns schweigend in Decken, es war ungemütlich, aber meine Mutter war unbeirrt, erst zum Essen selbst durften die Fenster geschlossen werden, und bis es wieder einigermaßen warm war, verging meist eine Stunde oder länger. Warum nur tat dies meine Mutter? Immer war es kalt und ungemütlich beim Essen. Warum nur?

Erstaunlicherweise war das die Frage, die wir ihr nie so geraderaus gestellt hatten. All die vielen Jahre, die ich Zuhause Weihnachten feierte und in denen kurz vor dem Heiligabend-Essen die Fenster aufgerissen wurden, stellte ich niemals die Frage: „WARUM?“  Viele Jahre später erst, da war meine Mutter nach einem langen Leben bereits gestorben, erhielt ich die Antwort. Meine Frau und mein Kind waren am Heiligabend schwer erkältet, einkaufen, putzen, waschen, kochen, den Baum schmücken – alles blieb an mir hängen. Kurz bevor es mit dem Essen losgehen sollte, fühlte ich mich unangenehm durchgeschwitzt, die Räume unerträglich heiß. Ich tat, was Mutter auch immer tat: Ich riss alle Fenster auf, um frische und kühlere Luft zu bekommen. Mein Sohn kauerte sich mürrisch in eine Decke, meine Frau murmelte „Muss das sein?“, und schlagartig wurde mir klar, was da all die Jahre bei uns Zuhause passiert war: Meiner Mutter war von dem vielen Arbeiten einfach heiß geworden, sie hatte geschwitzt und ihr war in den Räumen, die den ganzen Tag geheizt worden waren, unwohl. Sie brauchte frische und kühle Luft.

So war das Mysterium nun keines mehr, und mit der Erkenntnis kam als zusätzlicher ungebetener Gast gleich das Schuldgefühl mit: Wenn man direkt gefragt hätte „Warum machst du das?“, hätte man wahrscheinlich die Antwort bekommen. Aber niemand hatte gefragt. Vielleicht intuitiv, weil die Antwort eine Verhaltensänderung nach sich gezogen hätte. Schließlich hätten wir unsere Mutter bei den Vorbereitungen auch helfen können, dann wäre sie am Abend nicht so erschöpft und erhitzt gewesen. Aber nachträglich denke ich: Hätte ich nur gefragt. Dann hätte ich verstanden. Und meine Mutter wäre froh gewesen, wenn mal jemand gefragt hätte. Aber ich habe nicht gefragt und auch sonst niemand.

Vielleicht muss ich am Telefon doch mehr fragen, auch wenn mir das Schwierigkeiten bereitet. Vielleicht wollen die Leute gefragt werden. Vielleicht wird eine Frage von den Ratsuchenden als Versuch, wirklich verstehen zu wollen, gedeutet. So wie meine Frau mich fragt, wenn wir ein Fest verlassen haben: „Und, hat dich jemand etwas gefragt?“ Das Fragen ist hier ein Synonym für Interesse. Hat jemand Interesse an dir gezeigt? Vielleicht muss ich bei Gelegenheit mal einen Anrufer fragen, was es ihm bedeutet oder wie er sich fühlt, wenn er gefragt wird.

So viele mal „Vielleicht“. Man weiß es nicht, so wie bei der Angst des Tormanns beim Elfmeter kann auch der Ratsuchende Ängste haben, was der Telefonseelsorger wohl sagen und fragen wird. Vielleicht habe ich als Telefonseelsorger auch Angst davor, was der Ratsuchende sagen wird. Die Angst des Torschützen vor dem Tormann und die Angst des Tormanns vor dem Torschützen, und beide haben Angst beim Elfmeter. Unser Hausmeister, der hat keine Angst. Der fragt grade raus. Der kennt anscheinend kein „vielleicht“. Nun ja, Freunde werden wir in diesem Leben wohl trotzdem nicht mehr. Aber das mit dem Fragen, das probiere ich im neuen Jahr wohl mal aus.

Martin Buttenmüller

Bild: @ Fotolia – industrieblick

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