“Es war nicht immer ganz spannungsfrei”

Wer wünscht sich das nicht, einfach mal abhängen und es sich gut gehen lassen. So könnte man unserem ehemaligen Außenminister Joschka Fischer gratulieren, der als Zugpferd seiner Beratungsfirma in den Chefetagen der Welt Vorträge hält und heute noch bekannt ist wie ein bunter, äh, Politiker. Von Spannung keine Spur mehr, für die Chefs von heute ist er eine interessante Historie und kein rotes Tuch mehr. Auch für die heutigen Grünen gehört er mittlerweile mehr zur Folklore, und so haben sie ihn eingeladen ins Motorwerk in Berlin-Weißensee eingeladen, um mit ihm den 40. Geburtstag zu begehen. “Es war nicht immer ganz spannungsfrei” resümiert er rückblickend, fast ein bisschen sehnsüchtig. Wie ist das, wenn man aus einer Situation der Ruhe auf eine spannungsgeladene Zeit zurückblickt?

Bei Fischer könnte man sagen: Er hat beim Übergang zum Polit-Rentner das aus seiner aktiven politischen Laufbahn mitgenommen, was ihm gefallen haben dürfte. Da ist zum Beispiel die Begegnung mit wichtigen Leuten. Konzernlenker zum Beispiel und Chefs von internationalen Organisationen. Das streichelt seinem ausgeprägten Ego. Überhaupt die Öffentlichkeit: Noch heute berichten die Zeitungen darüber, wenn Fischer eine Rede hält, warum auch immer. Er kann viel reisen und muss es nicht bezahlen, auch das ist ein angenehmer Aspekt. Umgekehrt kann er das zurücklassen, was ihn am meisten gestört haben dürfte: den Widerspruch. Was Joschka Fischer heute denkt und meint, ist ohne jede Relevanz. Deshalb hört jeder brav zu und nickt höflich. Fischer hat ja keine Macht mehr, etwas umzusetzen. Das war in seiner Zeit in der Grünen-Spitze und als Mitglied der Bundesregierung natürlich völlig anders: Sobald er einen Plan äußerte, mobilisierte die Gegenseite sofort mächtigen Widerstand und es gab heftigen Rabatz. Und wenn er bei den Grünen mal wieder die Fundies niedermachte, erst Recht.

So könnte man aus Fischers Werdegang nun ableiten, wie man sich am besten auf das Ende des Arbeitslebens vorbereitet. Im ersten Schritt versucht man, das ins Rentenalter mitzunehmen, was einem Freude gemacht hat. Im zweiten Schritt schüttelt man das, was einen besonders gestört hat, ab, und lässt es sich zurück. So kann man ein angenehmes, wenn auch irrelevantes Leben im Alter führen. Das ist doch schon weit mehr als nichts. Und wenn einen dann doch die Sehnsucht packt, macht man es auch wie Fischer: Man geht an seinen alten Arbeitsplatz zurück und wird von den Nachfolgern belächelt, wenn man von alten Zeiten erzählt. Und fühlt sich dann ein bisschen blöd dabei und sagt so etwas wie: “Es war nicht ganz spannungsfrei.” Und dann weiß man wieder, warum man sich auf die Rente gefreut hat und wie gut es einem jetzt geht.

Zitiert auf der Website des SPIEGEL im Beitrag “Trau keinem über 40″

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