Der Ambivalenz-Experte

Ambivalenzen sind oft spannend, weil man etwas will und gleichzeitig nicht will, und in diesem Spannungsfeld wird es unvorhersehbar, was passieren wird. Derzeit ist das bei unseren geschätzten britischen Nachbarn zu beobachten, die bekanntermaßen aus dem europäischen Projekt aussteigen, aber doch irgendwie drinbleiben wollen. So sieht der jüngste Vorschlag der britischen Regierung vor, in der Zollunion der EU bleiben zu wollen, aber gleichzeitig mit anderen Staaten selbstständig Verträge abzuschließen. Das ist Mitgliedern der Zollunion aber verboten. Und natürlich will man nicht akzeptieren, dass der Europäische Gerichtshof für die Briten zuständig bleibt, obwohl das für Mitglieder der Zollunion genauso ist. So schrieb ein europäischer Politiker denn auch „Es ist eine Fantasie, zugleich inner- und außerhalb der Zollunion sein zu wollen.“ Zeitgemäß geschah dies über Twitter, hat aber ausnahmsweise nichts mit dem amerikanischen Präsidenten zu tun. Der äußert sich derzeit zwar auch ganz schön ambivalent zu den Ereignissen in  Charlottesville, das ist aber ein anderes Thema. Nein, der Zitate-Geber kommt aus Europa, und da es nicht ganz einfach ist, gibt es noch einen Zusatztipp: er kommt aus einem Land, das sich mit Ambivalenzen ziemlich gut auskennt. Wer war es?

Das Wort Ambivalenz, die Lateiner unter uns wissen es, setzt sich aus ambo (beide) und valere (gelten) zusammen. Diese psychische Zerrissenheit kennen die Belgier recht gut, denn eigentlich sind sie Wallonen oder Flamen und doch auch irgendwie Belgier. Folgerichtig stammt das Zitat von Guy Verhofstadt, der Mitglied des Europäischen Parlaments ist und auch schon einmal belgischer Premierminister war und sich jahrelang mit seinem ambivalenten Volk herumschlug und damit zum führenden Ambivalenzexperten der EU wurde.

Zitiert auf Spiegel online am 16.8.2017

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