Das digitale Glück

Wie oft lesen und hören wir es: er oder sie war zur falschen Zeit am falschen Ort. Diese doppelte Verneinung bringt einen  natürlich sofort ins Grübeln: Kann man auch zur richtigen Zeit am falschen Ort sein oder zur falschen Zeit am richtigen Ort? Bevor wir aber logisch-kognitiv in dieses Dickicht der Deutung von Ort und Zeit eindringen, lohnt es sich eventuell, die Bauchgefühle, die die verschiedenen Formulierungen hervorrufen, zu bestimmen. Falsche Zeit und falscher Ort kann nur heißen, dass alles den Bach runter geht, man kann froh sein, die Situation zu überleben. Die Kombinationen falsch-richtig und richtig-falsch legen nahe, dass ein Fehler fast zu einem katastrophalen Ergebnis geführt hätte, man aber Glück im Unglück gehabt hat. Was aber könnte die Kombination Glück-Glück bedeuten? So zu lesen heute in der Süddeutschen Zeitung: „Es war der richtige Ort zur richtigen Zeit.“ Man war also genau am richtigen Tag zur richtigen Stunde, Minute und Sekunde da, wo man sein sollte, überall anders und zu anderer Zeit hätte man das positive Ereignis verpasst. Zum Beispiel die Bushaltestelle, an der man seinen späteren Lebenspartner kennen gelernt hat: einen Bus später oder früher oder gar aus Faulheit das Auto genommen oder vielleicht krank gewesen oder der Termin wäre später oder früher gewesen oder-oder-oder, dann wäre es nichts geworden. Allerdings wäre dann etwas anderes geworden, ein Leben, das nicht entdeckt und deshalb nicht gelebt wurde. Vielleicht hätte einen Bus früher oder später jemand noch tolleres an der Bushaltestelle gewartet? Man weiß es nicht und wird es nie wissen. Nun aber zurück zum Zitat: Wer könnte es gewesen sein, der Zitate-Geber mit dem richtigen Ort und der richtigen Zeit?

Im Beitrag ging es um Estland und seinen Hang, alles, was nicht bis drei auf einem Baum ist, zu digitalisieren. Sogar virtuelle Staatsbürger gibt es, und im Interview erklärt Robert Krimmer, Professor für E-Governance an der Technischen Universität Talinn, warum Estland so auf Digitalisierung setzt. Man sei bereit gewesen, Dinge auszuprobieren, und dann eben noch das doppelte digitale Glück von Ort und Zeit und natürlich auch die richtige – nämlich digitale – Einstellung: „Wenn es nicht digital funktioniert, machen wir es nicht.“ So viel digitaler Optimismus macht froh.

Zitiert aus der Süddeutschen Zeitung vom 5. September (Printausgabe), Seite 18 im Beitrag „Bereit, Dinge auszuprobieren“.

Die Tagesschau will dagegen festgestellt haben, dass das Veränderungs-Tempo vielen Älteren in Estland zu hoch ist.

Auch die FAZ sieht wenig digitales Glück, dafür massive Sicherheitsprobleme in Estland.

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