Auf den braunen Leim gegangen

Wenn es darum geht, das eigentliche Thema zu versenken und stattdessen einen Nebenkriegsschauplatz zu eröffnen, ist Alexander Gauland sicher ein Profi. Mit der einfachen Bemerkung, man könne die Zitategeberin gelegentlich „in Anatolien entsorgen“, hat der AfD-Politiker schnell die Agenda gewechselt. Denn eigentlich ging es ja um die deutsche Leitkultur, die – Achtung, jetzt kommt das Zitat – nach Ansicht der Zitategeberin quasi unsichtbar sei: „Eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.“ So unsichtbar also ist die Kultur, so ähnlich wie die Person und das Amt, das die Zitategeberin bekleidet. Denn Hand aufs Herz, viele haben die Diskussion mitbekommen und sich Gaulands Namen gut merken können, nicht aber den Namen der Zitategeberin. Und damit sind viele wieder einmal dem AfD-Politiker, der nicht zum ersten Mal widerliches nationalsozialistisches Gedankengut verbreitet, auf den braunen Leim gegangen. Oder haben Sie sich den Namen der Zitategeberin merken können?

Das Zitat sollte eigentlich ein Beitrag zum Thema „Deutsche Leitkultur“ sein und ist Teil eines Gastbeitrags in einer Zeitschrift. Die These: Wer versuche, Leitkultur mit Inhalten zu füllen, mache sich unmittelbar lächerlich, denn was soll denn das sein, die deutsche Leitkultur? Tatsächlich kommt man hier ins Grübeln, denn das Oktoberfest kommt ja beim besten Willen nicht in Frage, und Johann Sebastian Bach kennt nur noch, wer 70 Jahre oder älter ist. You-Tube-Stars wie die Lochis oder Bibi kennt wiederum keiner über 30. Und Roberto Blanco ist zu Multikulti, sonst würde es mit „Schwarzbraun ist die Hasselnuss“ wohl auch für Alexander Gauland passen. Bleibt noch das Händeschütteln, ja, das ist es vielleicht, wer nicht händeschüttelt, muss ein Fremder sein, was aber die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Aydan Özoguz – ja, sie war die Zitategeberin – kaum überzeugen dürfte.

Wer noch ein bisschen nachlesen will: die FAZ hat sich auf ihrer Website mit dem Zitat beschäftigt

Ergänzung: Weil es in der XING-Gruppe Fördermittel einige heftige Reaktionen gab, hier noch etwas zu der Frage, wieso das Thema auch hier seinen Platz hat:

“Fachfremd”, “Politisch”, “hat nichts mit Fördermitteln zu tun”: Das finde ich interessant. Wer je beobachtet hat, wie Förderprogramme zustande kommen, weiß, dass dies eine sehr politische Angelegenheit ist. Je nach Werten, die die Politiker vertreten, werden unterschiedliche Organisationen und Zielgruppen gefördert, z.B. sozial Benachteiligte und Langzeitarbeitslose, Erneuerbare Energien und Bildung, das Schrebergartenwesen und der internationale Jugendaustausch und was immer man an Beispielen aufführen will. In unseren Förderprogrammen drücken sich unsere Werte aus, zeigen Regierungen und Volksvertreter, für welche Anliegen dieses Land bereit ist, Geld auszugeben. Mit unseren Werten hat auch zu tun, dass es eine Integrationsbeauftragte der Bundesregierung gibt, denn damit soll, wie der Name schon sagt, die Integration gefördert werden.

Und da sind wir eben sehr schnell bei der Frage, wie eine Äußerung, jemanden “in Anatolien entsorgen” zu wollen, zu unseren Werten passt. Entsprechend ist eine Diskussion in dieser Gruppe keineswegs fachfremd, sondern hat sehr viel mit Fördermitteln zu tun. Fördermittel, die eines Tages vielleicht von Menschen wie Herrn Gauland verteilt werden; vielleicht mit dem Ziel, Menschen in Anatolien zu “entsorgen”?

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